Es gibt einen Begriff, den mir eine amerikanische Kollegin beigebracht hat: „Bucket List“. Was zu gut Deutsch eine Liste der Dinge ist, die man im Leben getan haben sollte.  Auf ihrer stand ein Berglauf durch die Wüste Collorados. Nun, meine Ansprüche sind nicht ganz so ambitioniert. Aber von einer Sache träumte ich schon seit Jahren und das war eine Mountainbiketour durch die Alpen.

Tag 5

Welcher Ort also wäre besser dafür geeignet als die Sella Ronda. Manch einem Skifahrer wird diese ein Begriff sein. Gemeint ist ein Verbund von Skigebieten in Südtirol, der es einem erlaubt, eine  42km lange Runde per Abfahrtsski um das Sellamassiv zu absolvieren. Das hatte ich bereits vor einigen Jahren abgehakt. Mittlerweile ist das Gebiet im Sommer auch für Radler erschlossen und so wollte ich nun die Runde auf meinem Mountainbike in Angriff nehmen. Wie der Zufall so will, startete die Tour direkt an meinem Parkplatz. So raßte ich an diesem Morgen mit einem dicken Grinsen im Gesicht den Singletrail hinunter bis nach Corvara. Tatsächlich hatte ich aber nur eine ungefähre Vorstellung, wolang es ging. Zum Glück traf ich schon bald einen Mitstreiter. Sandero war genauso verrückt wie ich, aber besser vorbereitet. Gemeinsam beschlossen wir die Runde ohne die Unterstützung der Skilifte in Angriff zu nehmen. Eine ziemlich kräftezährende Idee. Allein der erste Anstieg hatte es, mit 600hm bei 30°C im Schatten, in sich. Zwar entschädigte der Blick auf das Sellamassiv, aber unsere Oberschenkel brannten schon jetzt. Doch zunächst ging es erst mal wieder bergab und zwar mit einem Affentempo. Das geht ganz arg aufs Material, sodass ich mir in Arraba erst einemal neue Bremsbelege besorgen musste. Dann ging es mit Rücksicht auf unsere Beine doch per Seilbahn hinauf zum 2478m hohen Porta Vescovo. Erstaunlich, wie unterschiedlich doch die Berge im Sommer und Winter sein können. Eines bleibt aber auf Ski, wie Rad gleich – die Überwindung, in den Steilhang einzusteigen. Hat man die aber überwunden, ist einfach nur ein Rausch der Endorfine. Vom höchsten Punkt der Tour brachte uns eine rasante  Querfahrt zum Passo Pordoi. Hier musste ich mit ein paar Broten meinen Energeispeicher auffüllen, denn vor uns lag eine weitere Abfahrt bis hinunter auf 1600m und anschließend die letzte Bergetappe der Tour zum 2121m hohen Passo di Sella. So genial die Abfahrten sind, so schweißtreibend sind die  Anstiege. Kurve um Kurve geht es den Berg hinauf. Jede Serpentine ist nummeriert, sodass man wenigstens ungefähr weiß, wie weit es noch bis oben ist.  Insgesamt mussten wir auf unserer Tour 1500hm erklettern. Ohne Lifte wären es sogar noch 1000hm mehr gewesen. Dafür wird man mit einem Highlight nach dem anderen belohnt. Der Blick und die Abfahrt vom Sellajoch zählt definitiv dazu. Nur den letzten Anstieg wollten meine Beine einfach nicht mehr bringen und so setzte ich mich in Alta Badia in die Gondel und rollte anschließend völlig erschöpft zurück zum meinem Auto.

Ich hab auf meiner Reise oft die Frage gehört, ob es nicht einsam ist, so allein zu reisen. Aber wie ihr seht, trifft man als aktiver Mensch immer auf Gleichgesinnte. Und so verbrachte ich auch diesen Abend nicht allein. Im Bully, der neben mir parkte, übernachteten Sandra und ihr Freund Chris. Beide sind kletterbegeistert und erzählten mir bei einem Glas Rotwein von ihrer Tour, während wir den Sonnenuntergang genossen. Als ich Ihnen berichtete, dass ich auf dem Weg Richtung Gardasee sei, gaben Sie mir gleich noch einen Tip, für die Übernachtung und so wusste ich wo es am nächsten Tag hingehen würde.

Tag 6

Am nächsten Morgen verabschiedete ich die Beiden, nachdem sie Pancakes und ich Kaffee zum gemeinsamen Frühstück beigesteuert hatten. Sie rieten mir kurz vor Riva am Lago di Toblino halt zu machen. Also lud ich das Auto, tippte den Zielort ins Navi, legte mein Hörbuch ein (gut mittlerweile hat man sowas auf dem Telefon, aber „ich aktivierte das Bluetooth“ klingt einfach blöd) und fuhr los. Obwohl es keine all zu weite Strecke war, schluckten die Bergstraßen einiges an Zeit und so kam ich erst am frühen Nachmittag an. Die Location war ein bekannter Kletterspot. Ihn zu finden war allderdings gar nicht so leicht. Von der Hauptstraße ging es verschlungenen Weg, immer den Berg hinauf in eine kleine Schlucht hinein. Hier fand ich ein hübsches Rastplätzchen mit einer Parkbucht. Als ich die Tür öffnete traf mich jedoch fast der Schlag. Im Auto waren es dank der Klimaanlage gesittete 22°C, während man draußen bei 38°C förmlich zerfloss. Und so war es vielleicht kein Wunder, dass ich mir in den letzten Tagen erst langsam, dann immer stärker Halzschmerzen zugezogen hatte. So beschloss ich nach den rasanten letzten Tagen, das Tempo raus zu nehmen. Die folgenden drei Stunden döste ich einfach vor mich hin. Anschließend schnappte ich mir meinen Rucksack, spazierte zum nächsten Ort und besorgte mir was zum Abendbrot. Als ich zurück kam, machten sich grade ein paar Einheimische an der Steilwand hinter dem Rastplatz zu schaffen. Ich schaute Ihnen zu, während ich mein Essen mampfte. Nach einer Weile kamen wir ins Gespräch und da es selbst jetz am Abend noch über 30°C waren, luden sie mich auf ein Bad im Bach   mit anschließendem  kaltem Bier ein. Da lehnte ich natürlich nicht ab. Und so verbrachte ich auch diesen Abend in geselliger Runde.

Tag 7

Am darauffolgenden Tag wachte ich vom Geräusch eines nahenden Fahrzeugs auf. Wieder waren es Kletterer, die neben mir hielten. Auch diesmal kamen wir ins Gespräch. Es war eine Gruppe Belgier. Jan, einer von Ihnen, sprach sogar Deutsch. Er meinte er hätte noch einen Gurt und ein paar Schuhe übrig und ich könnte mich Ihnen anschließen. Kurz darauf hing ich in der Steilwand. Trotz anfänglicher Bedenken machte mein Handgelenk das alles klaglos mit. Zwar zog es etwas hier und da, aber das hatte mich schon beim Radeln nicht aufhalten können. Als die Jungs immer schwerere Routen erklommen, die meine Fähigkeiten weit überstiegen, bot ich an ein paar Bilder zu machen. Kurz darauf hing ich von zwei Seilen gesichert in der Wand und knipste was das Zeug hielt.  Bei der anschließenden gemeinsamen Brotzeit wurden Emailadressen ausgetauscht, ich versicherte ihnen die Bilder zukommen zu lassen und fuhr anschließend weiter Richtung Riva. Zur Abwechslung steuerte ich diesmal einen Zeltplatz an. Die letzten Tage hatten meinen Vorrat an sauberer Wäsche fast zur Gänze erschöpft und so nutzte ich den Rest des Tages, um ein Ordnung zu schaffen.

Tag 8

Am nächsten Morgen lockten die Berge. Riva ist Startpunkt für viele klassische Radtouren rund um den Gardasee und praktisch ein Mekka für Mountainbiker. Ich jedoch war mit einer dicken Erkältung gesegnet und so sehr es schmerzte, verzichtete ich auf einen Ausflug. Stattdessen schnappte ich mir mein Handtuch drehte eine Runde durch den Ort, nutze das WLAN der Touristeninfo, um einen neues Hörbuch herunterzuladen und packte mich anschließend an den Strand. Anstatt mich also die Berge hinauf zu quälen, lag ich einfach da, lauschte der Stimme des Erzählers, beobachtete das Treiben und wenn es mir zu heiß wurde sprang ich ins kühle Nass. Einfach mal gar nichts tun – auch schön. So verging der Tag, ohne große Vorkommnisse, aber mit viel Erholungswert. Jedoch keimte in mir schon wieder der Drang auf, weiter zu ziehen und wohin es mich dann verschlug, erfahrt ihr im nächsten Post.

Grüße,

Euer Felix