Es gibt ein komisches Phänomen, wenn man eine Radreise unternimmt. Der Alltag besteht aus schlafen, essen, radfahren und packen – immer im Wechsel, täglich von vorn. So hatten wir bereits jetzt nicht mehr im Blick, welcher Wochentag war. Vielmehr begannen wir unsere Zeitrechnung ab dem Starttag. Somit waren wir bei Tag 5 angelangt.
Und dieser hielt für uns drei Dinge bereit: Regen, Gegenwind und Höhenmeter. Da kommt man schon mal ins Grübeln, warum man sich den Quatsch eigentlich antut. Aber wie sagt Dori aus „Findet Nemo“ so schön: „Wenn ihm nichts passiert, passiert ihm ja gar nichts.“
Getreu diesem Motto mussten wir bereits nach wenigen Kilometern Halt machen. Roberts Kassette hatte sich gelockert und uns blieb nichts weiter übrig, als den nächsten Radladen anzusteuern. Bei der Gelegenheit besorgten wir uns auch gleich noch lustige, neongelbe Überschuhe, die unsere Füße trocken hielten – naja oder nach ein paar Stunden zumindest noch warm. Das Erstaunliche ist, dass bis auf dieses Accessoire unsere Ausrüstung praktisch komplett war und wir tatsächlich nichts vergessen hatten. Das ist bei uns zwei Chaoten schon eine Leistung.
Unser Ziel für heute war Fürth. Nasse 70 Kilometer und über 700 Höhenmeter ging es quer durch Bayern oder wie wir lernten – Franken. Tatsächlich kamen wir auf unserer Route durch sehr hübsche Städtchen, wie Feuchtwangen oder Ansbach. Irgendwie konnten wir das Sightseeing aber nur bedingt genießen.

Während zu Beginn der Radweg wunderbar asphaltiert war, wurde daraus gegen Ende eine Schotterpiste. So waren wir schlussendlich nicht nur komplett durchgeweicht, sondern auch von oben bis unten mit Schlamm bedeckt. Eigentlich hatten wir geplant in einer nahegelegenen Schutzhütte die Nacht zu verbringen. Doch es sollte anders kommen.
Nachdem wir mitleidsvoll in einem netten Wirtshaus abgewiesen wurden, weil dank Corona die Plätze in den Gastronomien sehr begrenzt waren, fanden wir schließlich in einem indischen Restaurant Zuflucht. Aber wie der Zufall so will, war genau das unser Glück. Mit der Aussicht auf weitere Regentage versuchten wir gerade das letzte bisschen Motivation zusammenzukehren, das uns geblieben war. Da sprach uns ein Mann vom Nebentisch an. Er stellte sich als Michael vor und hatte draußen unsere vollbepackten Bikes gesehen. Er und seine Frau waren selbst passionierte Reiseradler und er interessierte sich für unsere Tour. Als er erfuhr, wo wir dieNacht schlafen wollten, bot er uns kurzerhand an bei ihm zu übernachten. Robert und ich sahen uns an und überlegten. Als dann aber noch die Worte „heiße Dusche“, „Waschmaschine“ und „Hobbykeller“ fielen, entfuhr uns beiden ein erleichtertes „Ja!“.
Ein, zwei Stunden später standen unsere Bikes abgespült im Trockenen, wir saßen frisch geduscht auf dem Sofa, während im Keller die Waschmaschine ihren Dienst tat. Gemeinsam mit Michael und Valerie verbrachten wir den Rest des Abends mit Geschichten über vergangene Radreisen und die Schönheit des französischen Südens. Für solche Menschen und Momente weiß man dann doch wieder, warum man sich das alles antut.

Am nächsten Morgen hatte es etwas aufgeklart. Zwar hingen immer noch graue Wolken am Himmel, aber es blieb trocken. Bevor wir jedoch losfuhren, ging es noch daran den ersten Reifen zu flicken. Der Anhänger hatte mir die Schotterpisten wohl etwas übelgenommen. Aber auch das war schnell erledigt.
Dankbar verabschiedeten wir uns von Michael und Valerie und starteten zu unserer bis dato längsten Etappe. Ziemlich genau 140 Kilometer trennten uns von unserem nächsten Ziel und dem ersten echten Pausentag. Es war wie eine Feuerprobe. Sollten wir das überstehen, so war uns beiden klar, wäre es gar nicht so unwahrscheinlich, dass wir es tatsächlich bis an die Küste schafften. Aber dafür hieß es strampeln und zwar so viele Kilometer bis zum Mittag wie möglich. Was uns in die Karten spielte, war der Main-Donau-Kanal. Es ging praktisch dutzende Kilometer ohne jede Steigung, fast immer geradeaus. Und dann war da noch etwas, mit dem wir gar nicht gerechnet hatten: Wind und zwar von der Seite. Das war für uns nach Tagen gegen an schon fast so schön wie Rückenwind.

So schafften wir es noch vor dem Essen bis nach Bamberg. Hier luden wir die Kohlenhydratspeicher ordentlich auf und schwangen uns wieder aufs Rad. Für die Schönheit der Stadt hatten wir heute leider keinen Blick. Dafür lief es einfach zu gut.
So durchquerten wir Nordbayern praktisch in einem Ritt. Gegen Abend erreichten wir nach fast acht Stunden im Sattel schließlich die Grenze zu Thüringen. Unser Ziel für heute war Sonneberg, wo Bernd und Gudrun, unsere Gastgeber, schon mit einer gepflegten Rostbratwurst und einem kalten Bier auf uns warteten.
Am Fuße des Thüringer Waldes würden wir den nächsten Tag einfach mal nicht radeln. Aber das hatten wir uns auch redlich verdient.
Wie es danach weiter geht? Das erfahrt Ihr im nächsten Beitrag.

Euer,

Felix